... oder wo kommen eigentlich meine Empfindungen her ...
Emotionen und Gefühle werden umgangssprachlich gleichgestellt, das ist auch völlig in Ordnung so, dennoch sind es meiner Ansicht nach zwei verschiedene Welten.
Was sind denn nun Gefühle ?
... physikalisch betrachtet sind es Hormonausschüttungen und man könnte behaupten bei allen gesunden Menschen identisch. Psychologisch betrachtet sind Gefühle Reaktionen auf unsere Wahrnehmungen, die von unserem sogenannten Mandelkernsystem als Teil unseres Gehirns, einer ersten groben Bewertung unterliegen. Dieses Mandelkernsystem entscheidet in unfassbarer Zeit über Wohlbefinden oder Unwohlsein und löst unmittelbar eine Reaktion aus. Erst danach werden Erfahrungswerte abgeglichen und endgültig bewertet sowie bewusst gesteuert. Es ist im Detail wesentlich komplexer, ich verzichte aber auf die komplette Darstellung.
Das hat auch bestimmt jeder schon mal erlebt, man steht an einer Strasse und will sie überqueren, ein Auto nähert sich und bremst mit quietschenden Reifen ab, unser Mandelkernsystem nimmt das Geräusch wahr, das Gefühl ist der Schreck, die Reaktion die Flucht, die Ausführung ist der Sprung zur Seite. Erst jetzt erfolgt eine Bewertung und ein Abgleich mit bereits erfahrenen, bzw. gespeicherten Situationen.
Das Auto kam ja rechtzeitig zum Stehen, jetzt mache ich mir bewusst, dass es mich sowieso nicht erreicht hätte. Aufgenommen wurde es durch meine Augen. In diesem Bruchteil einer Sekunde hat unser Körper einfach nur reagiert und es kam uns völlig unkontrolliert vor. Einige von euch kennen den Film "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Jack Nicholson. Am Ende des Films sah man ihn auf einer Trage oder im Bett liegen und in einer kurzen Sequenz auch die Narben links und rechts seiner Schläfen. Man hat ihm operativ sein Mandelkernsystem durchtrennt oder gar entnommen. Ab jetzt werden bei ihm keine Gefühle mehr ausgelöst, folglich gibt es auch keine Hemmschwellen und Emotionen mehr.
Es gibt keinerlei Empfindungen über Gut oder Böse, nur noch die unbewertete Handlung. Das klingt doch erschreckend, oder ?
Was sind denn nun Emotionen ?
... plastisch ausgedrückt sind es Merkzettel bzw. Etiketten, die ich mir individuell für jedes Gefühl neu beschriften und darauf kleben kann. Emotionen werden konstruiert und entstehen auf der linken Gehirnhälfte, also in unserem konstruktiven Speicher. Sie werden dann mit den erfahrenen Gefühlen verknüpft. Die erfahrenen Gefühle werden auf der rechten Gehirnhälfte, also der kinästhetischen - oder paradoxerweise emotionalen - abgespeichert, deshalb auch zwei verschiedene Welten.
Ich will es am oben genannten Beispiel mit dem Auto verdeutlichen. Das Folgegefühl auf den Schreck ist sicher Angst und Wut, die Emotion dazu Ärger, den ich mit Beschimpfungen zum Ausdruck bringe. In welchem Maß aber nun der Ärger ausfällt und wie lange er anhält, liegt ganz alleine in meiner subjektiven Bewertung. Ich kann mir diese Situation verdeutlichen und für mich festlegen, dass es zukünftig den Ärger in dieser Intensität nicht mehr wert ist, weil ich nicht alle Verkehrsteilnehmer erziehen oder belehren kann. Mit meinem Gefühl funktioniert das natürlich nicht.
Im Klartext heißt das: Gefühle können durchaus gleichartig empfunden werden, die dazugehörigen Emotionen allerdings unterliegen immer meiner subjektiven Einstellung und sind auch veränderbar.
Der Verlust eines nahestehenden Menschen zum Beispiel löst immer Betroffenheit aus, wenn es aber ein alter und unheilbar kranker Mensch war, dann sind Emotionen der Erleichterung da, weil der Mensch vom Leiden erlöst wurde. War es aber ein junger und mitten im Leben stehender Mensch, dann ist logischerweise tiefe Bestürztheit und völliges Unverständnis die Folge. Das Gefühl der Trauer wird natürlich in beiden Beispielen empfunden, die Emotionen unterliegen der Bewertung.
Wenn meine Emotionen erklärbar sind, kann man dann auch Gefühle verbal zum Ausdruck bringen ?
... ja sicher kann man. Auch hier zu Beginn ein Beispiel. Die Schwester oder der Bruder, die oder den ich lange nicht mehr gesehen habe, kann ich folgendermaßen begrüßen: ... "Hallo, schön Dich zu sehen" ! Ich kann aber auch folgendes sagen: ... ich freue mich Dich wieder zu sehen, Du hast mir sehr gefehlt und ich möchte Dich zukünftig öfter treffen ...
In beiden Begrüßungen ist die Gefühlsempfindung identisch. In der Ersten wird es als Floskel dahingesprochen, weil man ja auch "cool" wirken will. In der Zweiten wird das empfundene Gefühl beschrieben bzw. mein Wunsch auch ausgesprochen und das nur durch ein paar Worte mehr, denn ich habe sie/ihn ja tatsächlich vermisst und freue mich auch wirklich, dass ich sie/ihn jetzt sehe. Allerdings bringen wir dies nicht zum Ausdruck. Im Gegenteil, wir werten es noch als Schwäche. Was nun beim Gegenüber besser ankommt, das wird jeder für sich herausfinden müssen. Versucht es mal an ähnlichen Situationen, ihr werdet euch wundern.
Warum fällt es uns so schwer, Gefühle zu beschreiben ?
Würde man eine Skala als Maß nehmen, dann stellen wir fest, dass viele nicht über die sogenannte "Rudimentäre Wahrnehmung" hinaus kommen. Das heißt, sie empfinden die Gefühle, aber können sie nicht beschreiben. Nüchtern betrachtet reihen wir nur Worte aneinander, die durch die Satzbildung einen erklärbaren Sinn ergeben.
Es ist aber genau umgekehrt. Das empfundene Gefühl wird über meinen Denkprozess in Worte gekleidet und hier die Richtigen zu finden, ist zugegebenermaßen nicht leicht. Meist reden wir mit Freunden über unsere Gefühle, zumindest benutzen wir das Wort dafür. Tatsächlich sind es Sehnsüchte bzw. Wünsche über die wir reden. Wir möchten gerne glücklich sein, können aber oft nur die Situation beschreiben, die dazu führen könnte, weil es auch real noch gar nicht eingetroffen ist. Hier wird bereits über meine Vorstellungskraft schon ein Gefühl erzeugt, das ist schon richtig, aber es ist sehr stark von meiner Bewertung geprägt, also auch konstruiert und somit eher der Emotion zuzuschreiben.
Aber meine Freunde empfinden in den beschriebenen Situationen ähnlich oder genau so; ich finde doch oft Übereinstimmung !
Hier findet oft eine Übereinstimmung in der Bewertung statt. Wenn mich beispielsweise mein Partner zurückweist, dann ärgere ich mich. Nur kann der Auslöser die Enttäuschung sein, weil ich mir große Hoffnungen gemacht hatte oder auch das Schamgefühl, weil sie mein "Ego" getroffen hat. Das sind zwei verschiedene Gefühle, aber das Ergebnis, also die damit verbundene Emotion ist gleich. Es ist Ärger und Frust.
Gleiche Empfindung, also gleiche Gefühle wahrzunehmen ist sicher mit das "Schwerste" was es in unserer Gefühlswelt gibt. Man nennt es "Empathie" und es kostet unsere ganze Kraft und Konzentration. Es ist Einfühlungsvermögen in seiner innigsten Form. Ich möchte fast behaupten, wenn 4 % der Menschheit echtes "Mitgefühl" in Form von "mit Dir fühlen" erlangen können, dann ist es viel. Oft wird es mit "Mitleid" in Form von "mit Dir leiden" verwechselt, also ein ähnliches oder erfahrenes Erlebnis mit derselben Emotion behaftet.
Im Klartext heißt das: Wenn wir von einer zerbrochenen Beziehung hören, dann können wir unseren Emotionen freien Lauf lassen. Es fällt uns leicht darüber zu urteilen, wir sind in der Rolle des Zuhörers und schimpfen auch mit dem/der Betroffenen, auch wenn wir die Situation selbst nie erlebt haben. Somit haben wir bereits ein Merkzettel parat, falls wir in ähnliche Situationen geraten. Mitfühlen heißt aber, das Gefühl der Enttäuschung des Betroffenen zu empfinden, die Bewertung in Form von "Emotionen" kann dann völlig unterschiedlich sein. Beim Betroffenen natürlich Ärger, beim Zuhörer vielleicht nüchtern, sachlich und kontrolliert.
Wenn das Gefühl im Kopf entsteht, warum sind dann die "Schmetterlinge" im Bauch ?
Die Zellstruktur unseres Verdauungstraktes ähnelt der unserer Hirnschale und die Nerven übertragen dieses Gefühl tatsächlich. Folglich ist das Kribbeln im Bauch auch das übertragene Gefühl aus unserem Kopf. Das gilt natürlich auch für das unwohle Gefühl vor der Unterredung mit unserem Chef beispielsweise; und das führt nicht selten zum Magengeschwür. Der Arzt diagnostiziert dann "Psychosomatische Störungen" als Grund dafür.
Apropos "Bauch", 80 % unserer Entscheidung treffen wir aus dem "Bauch" heraus. Ob wir nun das Mohn- oder das Sesambrötchen mögen, lieber das Auto "A" oder "B" fahren und eher den Roman als den Krimi lesen, sind alles Entscheidungen unserer "emotionalen" Seite. Der Computerkauf allerdings, wird meist auf der rationalen Seite entschieden. Hier zählen nur Daten und Fakten. In den seltensten Fällen werde ich nach dem Design wählen.
ABER !!! Die Begründung der jeweiligen Entscheidung, wird ausschließlich rational gegeben, das heißt sie wird konstruiert !!! Beispiel: Auf die Frage hin, warum Du gerade diesen Menschen so liebst, wirst Du nach einer kurzen oder langen Überlegungszeit immer einzelne Gründe aufzählen, die dann im Zusammenspiel Deine Liebe rechtfertigen. ... der Partner gefällt mir ... er ist nett ... er ist intelligent ... angesehener Beruf ... usw.
Im Klartext: mit Deiner Aussage, "Weil ich ihn einfach liebe" habe ich mich nicht zufrieden gegeben und so lange gefragt, bis Du mir Gründe genannt hast. Nun frage ich noch einmal und gebe sogar die Gründe vor: ... ist es weil er gut aussieht ... nur weil er nett ist ... weil er besonders intelligent ist ... toller Beruf ... usw. Du wirst alle Vorschläge verneinen. Es ist sicher von jedem etwas und wenn ich Dich genug in die "Enge" getrieben habe, dann sagst Du fast schon ärgerlich: "Er ist halt mein Typ" ! Deine Entscheidung ist nun mal auf der "Gefühlsseite" getroffen worden und nur ganz schwer zu erklären. Wenn ich aber eine Begründung abgeben muss, dann ist sie immer rational und muss formuliert werden. Ist doch spannend ... oder ?
Kann ich denn Gefühle verhindern ?
Ein klares "NEIN", weil unser Unterbewusstsein die Verneinung nicht kennt ! Ich kann mir selbst ein empfundenes Gefühl nicht verbieten, das funktioniert einfach nicht. Beispiel: ... freue Dich nicht, wenn Du nette Freunde triffst ... sei nicht enttäuscht, wenn man Deine Bewerbung ablehnt ... sei nicht wütend, wenn Dir Ungerechtigkeit widerfährt.
In den o.g. Beispielen bleibt jetzt folgendes im Unterbewusstsein gespeichert: Freude bei Freunden, Enttäuschung bei Ablehnung und Wut bei Ungerechtigkeit.
Warum kommen die "Richtigen" Worte trotzdem nicht an ?
Weil unsere Denk- und Verarbeitungsweise so unterschiedlich ist, aber dieses Thema gehört dann in dien Welt der: "auditiven, visuellen- und kinästhetischen Menschen"
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